Ich und die Zeitbombe


„Sie haben ja Nerven, hier so einfach aufzutauchen.“
„Die Vereinbarung gilt, ja? Das alte Einkaufszentrum ist das Ziel!“
„Konzentrieren Sie sich auf die Mission!“
Das winzig kleine, gelb beleuchtete Hotelzimmer verschwamm zu hellen und dunklen Flächen aus Gold vor Danjels Augen. Er sah seinen Blick noch auf die altmodische Messinglampe gerichtet und hörte fortwährend die Stimme des nervösen Geschäftsmannes, in dessen Bett er vorhin aus der Bewusstlosigkeit erwacht war, wie er ihm Anweisungen gab und dabei immer wieder hektisch aus dem kleinen Fenster blickte. Schließlich verstummten die Worte und wandelten sich in ein gleichmäßiges Summen, das sich über ihn legte und alle Geräusche erstickte. 
Ein stechender Schmerz in seinem Kopf, er spürte, dass er mehrmals blinzelte und doch erst einmal nichts sah als verschwommene Farbflächen. Das Hotelzimmer … war er noch dort? Nein, die Farben waren nicht mehr golden. Jetzt war alles um ihn herum schwarz und grau. Er blinzelte kräftiger und realisierte, dass er wieder weggetreten sein musste, denn er befand sich im Begriff erneut aufzuwachen. 
Hatte er nochmals das Bewusstsein verloren? Warum? 
Nach einem weiteren Blinzeln bekamen endlich die Flächen um ihn herum etwas mehr Kontur. Es brannte in seinen Augen und der stechende Schmerz von vorhin fuhr nun durch seine Schläfen, doch er begann langsam seine Umgebung zu erkennen.
Auch wenn sie ihm vollkommen fremd war.
Sein erster Blick fiel auf eine Art Eisengerüst aus schwarzlackiertem Metall, das kalt und hart aussah und sich in viele Einzelstreben aufteilte. Eine Treppe vielleicht? Kaltes, kunstweißes Licht glitzerte im schwarzen Lack. Kaltes Licht … das Einkaufszentrum! Automatisch versuchte Danjel den Kopf zu drehen und spürte wieder einen heftigen Schmerz, diesmal im Nacken. Eine Sehne spannte sich unangenehm bei der Bewegung über seine Haut, für einen Moment war der Schmerz so stark, dass es sich anfühlte, wie ein Genickbruch. Er hielt inne in der Bewegung und wollte tief Luft holen. 
Da erst realisierte er es. Er konnte seinen Mund nicht öffnen, um tief Luft einzuatmen. Sein Mund war bereits offen. Als er versuchte seinen Kiefer anzuspannen merkte er, dass seine Zähne in etwas grobes, weiches bissen. Er nahm sich einen Moment, um in der Benommenheit genauer nachzufühlen und stellte fest, dass er auch einen Druck zwischen seinen Kiefern verspürte, der über sein ganzes Gesicht verlief und hinten in seinem Nacken erst zu enden schien.
Ein Knebel, schoss es ihm endlich durch den Kopf.
Er löste sich aus der Schläfrigkeit und versuchte die Hände nach oben zu reißen, denen er sich erst jetzt wieder ganz bewusst wurde. Sie gehorchten nur träge, sein ganzer Körper schien in tiefem Schlaf gelegen zu haben, doch als er sie wieder fühlte, war da direkt ein schwerer Widerstand, er konnte sie nicht hochheben. Er konnte sie nicht mal Zentimeter bewegen, sie waren gegen etwas kaltes gepresst und eine unnachgiebig harte Stelle drückte unangenehm gegen seine Handgelenke. 
Auch seine Beine waren beinahe unbeweglich, so sehr er auch rüttelte und sie nach oben zu ziehen versuchte. Bei diesen Versuchen hörte er das Klappern von Metall. Er brauchte noch einen Moment, um zu begreifen und ließ dann resigniert den Kopf auf die Brust sinken. Trotz der Kälte um ihn herum, spürte er Schweißtropfen auf seiner Stirn.
Scheiße, dachte er. Ich bin gefesselt und geknebelt, vermutlich mit Ketten und Handschellen, wo ich nicht ohne weiteres herauskomme. Das kann schon mal nichts Gutes bedeuten. 
Danjel versuchte zu schlucken, doch sein fast komplett geöffneter Mund mit dem Stoffknebel darin, gab kaum nach und erschwerte ihm die Bewegung. Sein Hals begann sich bereits rau und kratzig, wie bei einer starken Erkältung, anzufühlen. 
Und dann erst hörte er es. 
Und wusste in derselben Sekunde, dass seine Situation noch schlimmer war, als zunächst angenommen.
Sie war direkt vor ihm, direkt an dem schwarzen Eisengestell, das er als Treppe identifiziert hatte. Mehrere Ketten waren um sie geschlungen, um sie gut an der Treppe zu fixieren. Der größte Teil der Apparatur lag trotzdem frei, Danjel konnte zwar von seinem Standpunkt aus nicht alles im Detail sehen, doch ihm genügte das, was er hörte.
Tick, tack, tick, tack, tick, tack …
Eine Bombe.
Mindestens zwölf Ladungen Dynamit, direkt vor seiner Nase. 

***

„Ich habe dir ja schon gesagt, dass wir es hier mit Kräften zu tun haben, die nicht …“
„Stop!“ Mit scharfer Stimmlage unterbrach Cielio Karmesins mantraartig vorgetragene Warnungen und legte die Stirn in Falten, als er ihn direkt ansah. „Wenn Danny in Gefahr ist, untersuche ich höchstpersönlich jeden Stein dieses Einkaufszentrums, so lange, bis ich ihn gefunden habe. Ist das klar?“
„Vollkommen klar“, wiederholte der rote Kater Karmesin unbeeindruckt, „ändert aber nichts an dem, was ich dir eigentlich sagen will. Danny hat sich da selbst herein manövriert. Er kennt diese Leute nicht, aber ich kenne sie. Ich bezweifle, dass seine Chancen riesig sind.“
„Ach ja? Umso mehr braucht er meine Hilfe. Ich gehe jetzt dahin.“
„Cielio“ Karmesin machte einen Schritt auf Cielio zu und holte Luft.
„Was ist noch? Irgendwas konstruktives, bevor ich gehe?“
„Cielio, was stellst du dir vor, was du im Einkaufszentrum finden wirst?“
„Wie meinst du das?“ 
„Du suchst doch dort nach Danny, oder?“
„Ja, und weiter?“
Wieder tat Karmesin einen übertriebenen Luftzug, dann blickte er zu Boden, als fiele es ihm schwer die Worte auszusprechen, die sich in seinem Kopf gerade bildeten.
„Ja?“
„Tja, du kennst diese Leute nicht, aber ich schon. Ich weiß wie sie arbeiten. Und wir wissen ja beide, in welche Lage sich Danny da gebracht hat …“
„Karmesin, wenn du etwas zu sagen hast, dann sag es jetzt. Ich habe es eilig, es kann um Sekunden gehen.“
„Cielio, überleg’ doch für eine Sekunde“, sagte Karmesin tadelnd und blickte Cielio direkt in die Augen. „Stell’ dir mal vor, du wärst in der Situation dieser Männer. Danny ist eine Gefahr für sie und sie müssen ihn loswerden. Und sie wissen, dass er ins Einkaufszentrum muss, das ebenfalls noch eine Gefahr für sie darstellt, wegen der Beweise, die Danny dort finden könnte.“
„… Ja?“, fragte Cielio unsicher und blieb reglos stehen.
„Na, was werden sie dann wohl tun?“
„Mir ist nicht nach Ratespielen, Karmesin.“
„Ich weiß es nicht, aber … ich würde mal tippen, sie versuchen beides gleichzeitig so schnell wie möglich loszuwerden. Für immer.“
Der Satz hing in der Stille wie hohe Luftfeuchtigkeit an einem schwülen Sommertag in der Luft hängt und schien sich nicht verflüchtigen zu wollen. Dann dröhnte er in Cielios Kopf und ihm wurde gleichzeitig heiß und kalt. Er wandte den Blick von Karmesin ab und riss den Kopf nach oben.
„Mein Gott – das Einkaufszentrum … du denkst doch nicht …“
„Ich halte es für extrem wahrscheinlich. Sie werden es in die Luft jagen. Tausende Zivilisten und deinen Freund Danjel eingeschlossen.“
Nur noch eine weitere Sekunde brauchte Cielio, um sich zu fangen, dann rannte er bereits los.
„Cielio!“, schrie Karmesin ihm hinterher und tatsächlich blieb dieser noch einmal stehen.
„Was?!“
„Du kannst da nicht hingehen! Selbst wenn du rechtzeitig kommst, was willst du tun? Du fliegst nur mit in die Luft!“
Cielio lachte freudlos auf und rannte weiter.
„Cielio!“, hörte er wieder Karmesin hinter sich rufen, doch er achtete nicht drauf. Er rannte so schnell er konnte. Alles, was in seinen Gedanken war, war das Bild von Danny und der Bombe. Es konnte um Sekunden gehen oder sogar schon längst zu spät sein, jedenfalls hatte er keinen Moment mehr, um zu trödeln. Die Warnung von Karmesin spielte keine Rolle, sein eigenes Leben spielte keine Rolle. Wenn die Möglichkeit bestand Danjel noch zu retten, würde er es versuchen, egal mit welchen Konsequenzen.
„Es kann jeden Moment in die Luft fliegen!“, drang noch wie ein Flüstern an sein Ohr, doch er drehte sich nicht einmal mehr zu Karmesin um.
Danny, ich komme!!

***

Obwohl Danny sich kaum bewegen konnte, schlug sein Herz so wild und schnell, als hätte er gerade einen Marathonlauf beendet. Seine Handgelenke pochten vor Schmerz, minutenlang hatte er damit zugebracht wie verrückt an seinen Fesseln zu rütteln, um irgendeinen Weg zu finden sich doch noch zu befreien. 
Da er die Bombe nicht von vorne sah, wo sich vermutlich der Timer befand, wusste er nicht mal, wann sie losgehen würde. Sie konnte innerhalb der nächsten Sekunden explodieren, oder auch erst in einigen Stunden. Jeder seiner Atemzüge konnte der letzte sein. Doch seine eisernen Fesseln saßen fest und die Handschellen, mit denen seine Handgelenke gefesselt waren, hatte man außerdem um die Streben des Metallstuhls, auf dem er saß, geschlungen. Und sie waren so dermaßen eng, dass er keine Chance hatte seine Handgelenke aus den Handschellen herauszuziehen.
Wer immer ihn so hier gelassen hatte, er wusste, was er tat und hatte nichts dem Zufall überlassen. 
Auch hatte er versucht durch seinen Knebel hindurch nach Hilfe zu rufen. Obwohl ihm nicht klar war, ob ihm wirklich jemand hätte helfen könnten. Von dem Stuhl befreien konnte ihn so einfach wohl keiner und auch die Bombe war fest angekettet, so dass man sie nicht einfach entfernen konnte. 
Sprich, selbst wenn jemand Danny in seinem Zustand entdecken würde, würde er vermutlich direkt ein Anblick der Bombe selber das Weite suchen und schreiend so weit und so schnell wegrennen, wie er konnte. Wenn denn jemand überhaupt käme, vermutlich war er hier in irgendeinem verlassenen Lagerraum, den so schnell ohnehin niemand aufsuchen würde. 
Perfide. Jemand hatte das hier wirklich durchdacht.
Langsam dämmerte Danny, dass es keine Rettung für ihn gab. 
Wieder versuchte er trotz Knebel heftig zu schlucken und sein Blick blieb einmal mehr an der Bombe haften. 
Würde sie gleich losgehen?
Würde es schnell gehen?
Würde er etwas von der Explosion spüren?
Nein, sicher nicht, er war direkt neben der Bombe und die Wucht der Explosion würde das komplette Einkaufszentrum mit sich reißen. Er würde nichts spüren. 
Hoffentlich. 

***

„Das Einkaufszentrum“, keuchte Cielio, an sich selbst gerichtet und schnappte nach Luft. Er war den ganzen Weg gerannt und spürte heftiges Seitenstechen in der Brust sowie ein Brennen in den Oberschenkeln. Doch zum Ausruhen war keine Zeit. Es konnte noch immer um jede Sekunde gehen. Und das Einkaufszentrum war riesig! Danny konnte überall sein! Wie sollte er ihn in der Kürze der Zeit nur finden?
„Einen was?“, fragte der dicke Mann begriffsstutzig und verzog das Gesicht.
„Einen verlassen Lagerraum, ein altes Büro, irgendwas!“
„Ähm, ich verstehe ni–“
„Wo könnte man jemanden hinbringen, wo ihn wahrscheinlich so schnell niemand findet?“
„Hier in unserem Einkaufszentrum? Also, guter Mann, ich …“
Cielio versuchte noch sich am Riemen zu reißen, doch seine Nerven gingen mit ihm durch und schon packten seine Hände den Hemdkragen des dicken Kaufhaus-Info-Angestellten.
„Antworten Sie mir. Ich will jeden Raum, der für so was infrage kommt.“
„Aber! Aber, was …“
„Wir sind alle in Gefahr. Die Räume, los jetzt! Es geht um jeden Moment!“ 

***

In der Entfernung ging hörbar laut eine Tür.
Danjels Herz tat einen Sprung und im selben Augenblick rüttelte er heftig an seinem Stuhl, klapperte mit den Ketten und versuchte trotz Knebel zu rufen, um nur irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. 
„Mhhh!! Mhhmm!!“
War doch jemand gekommen? Irgendjemand, der ihm helfen konnte?!
Immer noch konnte die Zeitbombe jeden Augenblick losgehen, deren unbarmherziges, rhythmisches Ticken ihm schon in den Ohren dröhnte. 
Bei seinen verzweifelten Befreiungsversuchen hatte er festgestellt, dass er nicht nur mehrfach solide an den Stuhl gefesselt, sondern der Stuhl wiederum ebenfalls mit einer langen Kette an der Eisentreppe befestigt war. 
Er hatte es ja eigentlich schon vorhin geschlussfolgert, aber diese Erkenntnis ließ seine Situation noch verzweifelter erscheinen: Er würde dieser Bombe nicht so einfach entkommen können. Selbst, wenn ihn hier jemand bemerken würde.
„Ist hier einer?“, flüsterte plötzlich eine zarte Stimme in der Ferne, so leise, dass sie kaum zu verstehen war.
Danny bewegte seinen ganzen Körper, rüttelte noch stärker und brüllte in den Stoff, der seinen Mund ausfüllte. Schweißtropfen der Anstrengungen liefen ihm übers Gesicht und er malte sich lieber gar nicht aus, wie tiefdunkel die blauen Flecken an seinen Hand- und Fußgelenken schon angelaufen waren. Was ohnehin keine Rolle spielte, alles was zählte, war auf sich aufmerksam zu machen.
Von seiner Position aus konnte Danny noch niemanden sehen und nun auch nichts mehr hören. War jemand gekommen? Hatte man ihn gehört?
Die Stimme war extrem leise gewesen, aber … Cielio? Hatte er ihn vielleicht gefunden? Nein, wie auch. Wie sollte er wissen, dass er hier war?
„Hallo? Ist … oh mein Gott!“
Eine junge Frau in Angestelltenuniform zeigte sich hinter ein paar Kisten und schlug bei Dannys Anblick die Hände vors Gesicht. Noch immer unfähig zu sprechen warf er ihr einen verzweifelten Blick zu und neigte vor Erschöpfung den Kopf leicht nach unten.
Nach der ersten Schrecksekunde, kam sie tatsächlich näher.
„Mein Gott, was hat man denn mit Ihnen gemacht? Oh, ich …“ 
Mit einem Gesichtsausdruck, der völlige Überforderung verriet, hantierte die junge Frau ungeschickt an den Ketten, die Dannys Hände an den Stuhl fesselten, herum, musste aber natürlich auch feststellen, dass diese sich in ihren Position kaum einen Millimeter bewegten.
„Oh Gott, ich kann … was haben Sie denn …“
Plötzlich drehte sie den Kopf zurück, weil sie ein seltsames Geräusch hörte. Das Blut gefror Danny in den Adern, als er hilflos zusehen musste, wie ihre Augen die Dynamitstangen vor ihr an der Treppe fanden. Das Ticken der Bombe schien mit einem Mal so laut zu werden, dass es den ganzen Raum ausfüllte. Danjel hielt den Atem an.
„Oh, oh!!“ Zu Tode erschrocken taumelte die Frau nach hinten und trat nach zwei Schritten rückwärts so ungeschickt ins Leere, dass sie fast hinfiel und sich an einer herumstehenden Lagerkisten festhielt. Hektisch rappelte sie sich hoch, starrte wie wahnsinnig geworden die Bombe an und schüttelte wild mit dem Kopf. Dann fuhr sie herum und rannte davon, immer noch mit ungeschickten Bewegungen, aber schnell genug, um bald aus Dannys begrenztem Sichtfeld zu verschwinden.
Wieder tat Dannys Herz einen Sprung, diesmal rutschte es aber in den Magen. Wenn er noch einen Funken Hoffnung gehabt hatte, war er nun dahin. Und dabei hatte er sich selbst nichts anderes ausgemalt. Wie sollte auch jemand reagieren, der eine Zeitbombe vor sich sah? Flucht war die erste und richtige Reaktion. Überlebensinstinkte. Ja, es war gut, dass die junge Frau geflohen war. Es war richtig ihr eigenes Leben zu retten und hoffentlich damit auch noch das Leben von anderen.
Es war gut so, dachte Danny nochmals resigniert und ließ das Kinn auf die Brust sinken.
Wer wäre schon so selbstlos und würde nicht sein eigenes Leben retten, wenn alles auf dem Spiel stand?
Neben dem scheinbar ohrenbetäubenden Ticken der Bombe, glaubte Danny nun aufkommende Panik zu hören, Schreien, Rufen, hektisches Laufen. Zwar kamen alle Geräusche hier im Lagerraum nur gedämpft an, aber es war zu vermuten, dass die junge Frau andere Menschen gewarnt hatte und sich daraus eine ausgewachsene Panik entwickelt hatte. Er seufzte in den Knebel und schloss die Augen.
Wiedersehen, du schöne Welt …

***

Im ersten Moment glaubte Cielio sich verhört zu haben, bis er sich umdrehte und die ersten Menschen um die Ecke rennen sah. Nein, das konnte kein Zufall sein, sie waren in Panik und rannten vor irgendetwas weg. War das vielleicht seine Chance?
Die bisherigen Räume, die der Servicemitarbeiter ihm auf der Karte des Einkaufszentrums gezeigt hatte, waren eine Enttäuschung gewesen. Kein Danjel, keine Bombe. Und auch hatten sie nicht dem entsprochen, was sich für so einen Raum eignen würde. Alle Räume waren doch insgesamt zu belebt gewesen und zu nah an Verkaufsräumen. Nein, der Raum in dem Danjel sein musste, musste abgeschieden sein, zentral und doch verlassen. 
Aber wo konnte dieser Raum nur sein?
Mit einem Keim der Hoffnung rannte Cielio auf die panischen Menschen zu und bemühte sich einen von ihnen zumindest für einen Moment festzuhalten. Die ersten beachteten ihn gar nicht und hetzten in völliger Panik davon, so dass sie nicht mal kurz innehielten. Auch auf seine Zurufe und Gesten reagierte niemand, es war, als würden sie Cielio in ihrer Eile glatt übersehen, obwohl er aufgrund seiner Größe und seiner Statur wahrlich nicht leicht zu übersehen war. Erst nach einigen Versuchen gelang es ihm eine ältere Frau, offenbar eine Kassiererin, zumindest kurz festzuhalten. Er verstärkte sofort den Griff, als sie langsamer wurde und blickte ihr intensiv in die Augen: „Bitte, was ist hier los? Warum diese Panik?“
„Hier soll eine Bombe sein, ich weiß nicht, woher die Info kommt, aber irgendjemand hat hier eine Bombe gefunden! Wir müssen hier raus, Sie auch! Schnell!“
„Nein! Wo ist die Bombe?! Ich muss es wissen!“
„Ich weiß es nicht, ich habe sie nicht gesehen.“
„Woher ist die Info?“
„Keine Ahnung, lassen Sie mich los!“
„Bitte! Mein Freund ist mit der Bombe allein! Er braucht Hilfe!“
Die alte Kassiererin verzog das Gesicht und holte tief Luft. Man sah ihr an, dass sie nur schnell weg wollte, doch Cielio dachte nicht daran sie loszulassen.
„Also ich habe es dahinten zuerst gehört, da bei den Baumwollwaren. Ich glaube irgendwo da hat es angefangen, dass hier eine Bombe sein soll.“
„Ist da irgendwas in der Nähe? Ein Lagerraum, irgendwas?“
„Ich weiß es nicht, aber die Treppe dort auf der rechten Seite führt zum Keller. Vielleicht ist sie da unten irgendwo.“
Keller. Nein, im Keller war er noch nicht gewesen, er hatte noch nicht mal einen Zugang zum Keller gefunden. Aber natürlich … irgendein Kellerraum war perfekt! 
Hoffentlich, hoffentlich!
Cielio ließ die Frau endlich los, die wie mit einem Katapult aufgespannt sofort nach vorne schoss und fortlief. Mittlerweile war dieser Bereich des Einkaufszentrums schon wie leer gefegt und ihm kamen kaum noch Menschen entgegen. Doch Cielio rannte unbeirrt in die entgegengesetzte Richtung. 
Nach kurzem Suchen fand er die besagte Kellertreppe und stürmte sie, mehrere Stufen auf einmal nehmend herunter, bis ganz nach unten. Er hatte keine Ahnung wie groß die Kellerräume waren und auf wie viele verschiedene Räume sich das ganze erstreckte. Außerdem konnte die besagte Bombe jeden Moment losgehen und auch ihn, der sich vermutlich immer mehr in ihre Richtung bewegte, in den Tod reißen. Doch darüber dachte er nicht nach und hatte auch glücklicherweise keine Zeit dazu.
Danny finden, Danny befreien!
Das war sein einziger Gedanke.
Cielio stieß eine Tür nach der nächsten Auf und schrie aus Leibeskräften Dannys Namen durch die verlassenen Kellerhallen, die meist nur schummrig beleuchtet waren. 
Keine Antwort. Keine Reaktion.
Verdammt, Danny, wo bist du denn?!
Doch Cielio wurde es nicht müde: Tür um Tür, Kellerraum um Kellerraum und immer wieder rief er dabei nach Danny. 
Er MUSSTE hier irgendwo sein! 
Er musste ihn rechtzeitig finden!

***

Ich brauche mir keine Illusionen zu machen, dachte Danny trübselig, der sehr wohl registriert hatte, dass es um ihn herum nach dem lauten Rufen und Schrittegetrappel ruhig geworden war. 
Noch ruhiger als vorhin. Geradezu eine Grabesstille hatte sich über die Lagerhalle gelegt. Nur die Bombe tickte noch immer. Bereit jeden Moment in einem großen, alles verschlingenden Feuerball zu explodieren. 
Tick, tack, tick, tack, tick, tack …
Er brauchte nur noch zu warten. Es gab keinen Ausweg. Er selber konnte sich nicht befreien, so sehr er es auch versucht hatte und so einfallsreich er auch stets war. Aber wer immer ihm das hier angetan hatte, hatte nichts dem Zufall überlassen. Und die einzige mögliche Hilfe, die ihm noch das Leben hätte retten können, hatte sich in dem Moment erledigt, als die junge Frau die Bombe gesehen und nur noch die Flucht ergriffen hatte. 
Ob er noch 10 Minuten hatte oder nur noch ein paar Sekunden, wusste er nicht, aber er hoffte, dass es schnell und schmerzlos gehen würde. 
Dass es einfach vorbei sein und er nichts spüren würde. Natürlich fühlte er tiefes Bedauern bei diesem Gedanken, um sich, um sein junges Leben, das nicht immer einfach aber dennoch lebenswert war. Doch in seiner jetzigen Situation wagte er nicht auch nur entfernt an irgendeinen Hoffnungsschimmer zu glauben.
„Danny?! Danny?!“ 
Für eine Sekunde war Danjel perplex als er ganz deutlich die, schon leicht heisere, Stimme von Cielio zu hören glaubte. Dann kam Leben in ihn und er ruckelte, wie vorhin bei der jungen Frau, so heftig er nur konnte auf seinem Stuhl herum und schrie in den Stoffknebel, um sich bemerkbar zu machen. Einmal mehr schlugen die Enden der Handschellen gegen seine wundgescheuerten Handgelenke und sie pochten vor Schmerz wie unter Folter, dennoch ließ er nicht nach und suchte mit den Augen verzweifelt nach einem Zeichen, dass er sich nicht verhört hatte.
„Danny? Danny, bist du das?“
Cielio riss die Augen weit auf und schnappte heftig nach Luft, als er Danny erblickte, so als gönnte er sich erst jetzt einen tiefen Atemzug, wo er ihn endlich gefunden hatte. 
Cielio! Ich kann es kaum glauben!!
„Mhhmm!!“ Dannys Gesichtsausdruck war pure Verzweiflung, als er mit den Pupillen immer wieder zur Bombe neben sich und zurück deutete, um Cielio auf sie aufmerksam zu machen.
Dieser schaltete sofort und musterte die Bombe am Treppengeländer mit Respekt, schien jedoch keineswegs überrascht zu sein. 
Als erstes beugte sich Cielio herunter zu dem Stuhl an den Danny gefesselt war und untersuchte die Ketten sorgfältig, jedoch auch nur, um wie die junge Frau vorhin festzustellen, dass sie ziemlich fest saßen und der Stuhl ebenfalls mit einer Kette an die Treppe gebunden war. Selbst Danny mitsamt Stuhl von hier wegzubringen, war also keine Aktion, womit Cielios erste Hoffnung die Situation zu lösen, sich im selben Moment erledigte.
„Mmmhhh!“, schrie Danny und bewegte sich heftig. Cielio blickte hoch, griff nach dem Stoffknebel und versuchte ihn rauszunehmen. Dieser saß jedoch so fest, dass er erst nachdem er den Knoten im Nacken leicht mit der anderen Hand gelockert hatte, in der Lage war ihn herunterzustreifen.
„Du musst hier weg, Mann, die geht gleich hoch!“, brach es aus Danny wie aus einem Maschinengewehr hervor, im selben Moment, wo er wieder sprechen konnte. Sein Kiefer fühlte sich steif an und sein Mund war staubtrocken, dementsprechend fremd klang auch seine Stimme, doch wo er selbst schon mit seinem Leben abgeschlossen hatte, zählte jetzt nur noch wenigstens Cielios zu retten.
Cielio richtete sich wieder auf und widmete seine Aufmerksamkeit nun der Bombe, ohne sich um Dannys Warnungen zu kümmern: „Weißt du, wann sie losgeht?“
„Nein, ich kann sie ja nur von hinten sehen, ist da kein Timer?“
„Keiner, der verrät, wie lange sie uns noch gibt …“
„Dann hau’ endlich ab! Du kannst wenigstens noch davon kommen!“
Sichtlich resigniert stellte Cielio fest, dass die Bombe fest an die Treppe gekettet war, sonst hätte er vermutlich den waghalsigen Versuch unternommen sie aus dem Einkaufszentrum und außer Reichweite von Danny zu schaffen.
Langsam gingen ihm die Ideen aus, in seiner Vorstellung war er davon ausgegangen, dass sich alles klären würde, wenn er es nur rechtzeitig zu Danny schaffen würde.
„Weißt du wie lange du schon hier bist?“
„Ich habe nicht wirklich Zeitgefühl hier, aber eine halbe Stunde vielleicht? Ich war bewusstlos und bin schon mit der Bombe aufgewacht.“
„Das heißt sie könnte schon eine ganze Weile lang hier sein und ticken?“
„Ja, sage ich doch, deswegen verschwinde hier! Mir kann ja doch keiner mehr helfen!“
„Kommt nicht infrage“, sagte Cielio mit verblüffender Ruhe in der Stimme und krempelte die Ärmel seines Mantels hoch.
„Hast du denjenigen gesehen, der dich hier so zurückgelassen hat?“
„Nein, wie gesagt, ich muss bewusstlos gewesen sein.“
„Hm …“ Nachdenklich betrachtete Cielio die Bombe, die noch immer ihr unheilvolles Ticktack von sich gab und weiterhin jeden Augenblick in die Luft gehen konnte. Doch wie im Auge des Sturms schien sich zumindest über ihn eine seltsame Ruhe zu legen. Es nützte nichts in Panik zu verfallen. Er war hier um Danny zu helfen. Wenn er Danny nicht helfen konnte, indem er ihn von der Bombe wegbrachte, dann …
„Was machst du da?“
„Mir die Bombe genau anschauen. Vielleicht kann ich sie entschärfen.“
Danny machte eine respektvolle Pause. Ohne, dass er es verhindern konnte, keimte wieder Hoffnung in ihm auf. 
„… Hast du Ahnung von so was?“
„Natürlich nicht, aber, wenn man so was scharf machen kann, dann kann man das ganze doch auch wieder rückgängig machen, oder?“
„Weiß ich nicht. Scharf machen, sagt mir nur was im ganz anderen Kontext …“
Cielio hörte seinen Freund tief seufzen, ging jedoch nicht auf dessen Galgenhumor ein. Stattdessen studierte er mit Blicken den sichtbaren Aufbau der Bombe. Er kannte sich nur grob mit so etwas aus, obwohl die Apparatur vom Aufbau her recht simpel war. Eine simple Metallplatte, die im Grundaufbau schlicht an das Innenleben einer mittelgroßen Uhr erinnerte, die über zahlreiche Drähte mit den Dynamitstangen, auf denen sie ruhte, verbunden war. Nach allem was er wusste, ließ das Ticken, das deutlich zu hören war, darauf schließen, dass sie es hier mit einem mechanischen Zeitzünder zu tun hatten. Was auch der Grund sein konnte, weswegen Danny überhaupt noch am Leben war, da diese Art von Zeitbomben nicht immer sekundengenau explodierte.
Dennoch war die Situation hochgefährlich und jeder Moment, der verging, konnte einer zuviel sein. 
„Wenn ich herausfinde, was der Zünder ist und ihn herausdrehen kann, müssten wir hier eine Chance haben.“
„Ach komm, eher fliegst du mit in die Luft. Aber du willst ja nicht hören.“
„Ich versuch es jetzt einfach, ich denke das hier, ist der richtige. Wer immer dich hier zurückgelassen hat, hat vermutlich nicht mit einkalkuliert, dass jemand tatsächlich an der Bombe rumhantiert und du bist ja ganz offensichtlich nicht in der Lage dazu.“
„Hier war tatsächlich eben eine, ist geflüchtet, als sie die Bombe gesehen hat …“
„Kein Wunder. So, Achtung, ich probiere es jetzt. Vielleicht gehen wir aber auch beide in dem Moment hoch, wo nur jemand am Zünder rumhantiert.“
„Ach …“ Danny stöhnte und blinzelte einen Schweißtropfen, der ihm ins Auge geronnen war, weg. „Oh, Mann …“
„Optimismus jetzt …“ Mit der einen Hand stützte Cielio sich am schwarzlackierten Treppengeländer ab und mit der anderen versuchte er mit so viel Ruhe und Vorsicht wie möglich den Zünder, oder das was er für den Zünder hielt, herauszudrehen. Er hielt den Atem an, um auch nicht nur ein klein wenig zu zittern. Auch Danny auf dem Stuhl vor ihm wagte nicht zu atmen und rechnete jeden Moment mit der Explosion.
Eine volle Drehung …
Noch eine Drehung …
Nichts geschah. 
Danny spürte, wie sein Herz zwischen den Rippen, wie ein eingesperrter Vogel im Käfig tobte und presste die Zähne aufeinander. Jeder Muskel seines Körpers war angespannt.
Dies konnten ihre letzten Momente sein!
Noch eine Drehung! 
Cielio bewegte seine Finger so präzise und ruhig wie es ihm nur möglich war. Auch an seiner Stirn perlten dicke Schweißtropfen vor Konzentration und Adrenalinrausch entlang, doch er ignorierte alle Eindrücke. 
Nur er und die Bombe zählten.
Entschärfe das verdammte Ding, Cielio.
Nur ich und die Bombe …
Ich muss es schaffen. 
Eine weitere schreckliche Sekunde verstrich, ohne das etwas passierte. Danny wurde für einen Moment schwarz vor Augen und er wagte zumindest einen flachen Atemzug durch die Nase, während er Cielios Bewegungen nicht eine Sekunde aus den Augen ließ. Von seinem Standpunkt aus, konnte er nicht richtig sehen, was er genau machte, doch er wagte nicht ihn in seiner hochkonzentrierten Stellung auch nur mit dem Geklapper seiner Ketten zu stören. 
Komm schon, komm schon, feuerte Cielio sich selbst an.
Keine halbe Drehung mehr, komm, das klappt! Bitte!
Dannys Herz begann zu flattern, als er sah, wie Cielio seine Hand sinken ließ und tief Luft holte. Er riss die Augen auf und starrte ihn ungläubig an, immer noch wagte er nicht zu sprechen, sondern beobachtete nur stumm.
War es geschafft?
Oder machte Cielio eine Pause, oder was?
Wie sah es denn jetzt aus?!
„Das war es“, verkündete Cielio nach einer schier endlosen Weile und wischte sich mit der linken Handfläche großzügig die Schweißperlen von der Stirn. „Das hätten wir, Danny.“
„Wirklich? Ist sie entschärft? Bist du ganz sicher?“
„Hörst du noch was?“
Danny schwieg und tatsächlich wurde es ihm erst jetzt klar, als Cielio darauf hinwies: Das Ticken hatte aufgehört.
„Halleluja“, entfuhr es ihm und er ließ sich in seinen Metallstuhl sinken.
„Und jetzt sehen wir zu, wie wir dich von dem Stuhl loskriegen.“
„Und wie machen wir das?“
„Ich hole Hilfe. Könnte mir vorstellen, dass bei der Panik sogar schon Hilfe angerückt ist, die ich nur noch zu uns lotsen muss. Wir organisieren einen Metallschneider und …“
„Du gehst doch nicht weg, oder? Bitte, bleib hier! Was, wenn jemand kommt und die Bombe wieder anwirft?!“
Cielio stemmte die Arme in die Seiten, er hatte durchaus Verständnis für Dannys Paranoia, doch er sah keine andere Möglichkeit als Hilfe zu holen, um ihn endgültig zu befreien: „Hier kommt keiner hin, Danny. Damit, dass das Ding entschärft wird, hat wie gesagt vermutlich niemand gerechnet. Vor allem nicht derjenige, der dir das angetan hat, würde sich jetzt noch hierher trauen.“
„Hm“, seufzte Danny unglücklich und betrachtete die Eisenketten an seinem Stuhl, „ja gut, aber beeil’ dich bitte!“
„Klar doch.“

***

„Oh, Mann. Ich werde dieses Einkaufszentrum in meinem ganzen Leben NIE WIEDER besuchen“, schwor sich Danny, als sie den Berg, der von dem Einkaufszentrum weg führte hinaufstiegen und er einen letzten Blick auf das Gebäude warf, das noch vor kurzem fast sein Grab geworden wäre.
„Musst du ja auch nicht. Volles Verständnis.“
„Du hast mir das Leben gerettet, Cielio. Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, gestand Danny verlegen und blickte auf das Gras zu seinen Füßen, „ich kann nicht mal beschwören, dass ich das Gleiche für dich getan hätte …“
„Hättest du, denke ich. Aber das spielt doch auch keine Rolle. Für mich war das keine Frage, ob ich dich rette oder nicht. Das war auch gar nicht so edel oder tapfer von mir, wie du vielleicht denkst, es war einfach eine Kurzschlussreaktion. Ich habe nicht nachgedacht, ich habe nur gehandelt.“
„… Wow. Danke jedenfalls. Ich hab mein Leben schon beendet gesehen. Nie hätte ich gedacht, dass mir noch irgendjemand zu Hilfe kommt, als die Kleine mich gefunden hat und beim Anblick der Bombe stiften gegangen ist …“ Ein sichtbarer Schauder durchlief Danny bei der Erinnerung und er presste die Lippen aufeinander. 
Cielio legte ihm freundschaftlich einen Arm um die Schulter und versuchte ein Lächeln: „Nicht mehr dran denken. Was möchtest du heute Abend machen? Wir machen worauf du Lust hast.“
„Ja, also, wir müssen uns betrinken. Gar keine Frage!“, rief Danny und erwiderte das Lächeln. Cielio lachte auf und nickte eifrig.
„Klar doch. Ich geb’ einen aus. Bestell’ dir alles, was du willst und gib dir richtig die Kante, wenn du magst.“
„Davon kannst du ausgehen. Und ich muss doch zumindest einen Toast auf dich ausgeben, wo du mich so selbstlos gerettet hast!“
„Erstaunlich.“
Cielio und Danny fuhren gleichzeitig herum, erst angespannt, dann überrascht, als sie sahen, wer vor ihnen stand.
„Nein, das glaub ich ja nicht“, konstatierte Danny.
„Ja, ich hätte auch nicht gedacht, dass ich dich noch einmal wieder sehe, Danjel. Und ich behaupte mal, dass ich mit diesem Tipp beim Buchmacher nicht viel verdient hätte. Dein Leben schien keinen Pfifferling mehr wert zu sein, wenn ich das mal so sagen darf.“
„Karmesin“, sprach Cielio langsam den Namen des roten Katers aus und legte dann die Stirn in Falten, „Was machst du hier?“ 
„Wollte sich das Schauspiel ansehen, schätze ich“, kommentierte Danny trocken, „Tut mir leid, dass du auf das Feuerwerk verzichten musst. Das Foto vom explodierenden Einkaufszentrum wär’ sicherlich ein Postkartenmotiv geworden.“
Karmesin lächelte gewohnt dünn und sprang leichtfüßig auf einen etwas erhöhten Stein, um sich dort in eleganter Katzenpose hinzusetzen: „Ich freue mich zu sehen, dass du deinen Humor trotz der vermutlich gefährlichen Situation, mit der man dich konfrontiert hat, nicht verloren hast.“
„Woher weißt du überhaupt davon?“, fragte Danny misstrauisch.
„Ich hab es erst von Karmesin erfahren“, ging Cielio dazwischen, „Die Schlussfolgerung, dass du im Einkaufszentrum mit einer Bombe sein könntest, kam von ihm und erschien auch logisch, da die Kerle ja die Beweise loswerden mussten.“ 
„Ah …“
„Der Gedanke lag sehr nahe, ja“, ergänzte Karmesin. „Allerdings muss ich zugeben, dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass Cielio noch rechtzeitig kommt, um dich zu retten. Ich … riet ihm davon ab. Denn ich selbst hätte das nicht riskiert.“
Stille. 
Keiner sprach ein Wort, Danny starrte nur einige Sekunden finster in Karmesins Richtung, dann verwandelte sich sein Ausdruck in Spott und er zuckte die Achseln: „Tja, Cielio hat aber und er hatte Erfolg. Macht sich bestimmt gut im Lebenslauf jemandem mal das Leben vor einer Zeitbombe gerettet zu haben.“
„War es sehr knapp?“
„Was bist du, der Tagesanzeiger? Willst du die schaurigen Details für den Pressebericht? Aber ja, es war ziemlich knapp“, sagte Danny mit weiterhin spöttischem Unterton.
Karmesin senkte nachdenklich den Kopf und blickte einen Moment lang ernst zu Boden, dann nickte er langsam und hob die Augen wieder: „Was habt ihr gemacht?“
„Die Bombe entschärft“, beantwortete Cielio die Frage, „wer immer auch Danny das angetan hat, war ein Profi. Es gab keine Möglichkeit Danny und die Bombe räumlich zu trennen. Er war an einen Stuhl gefesselt und geknebelt, die Bombe an eine Treppe und der Stuhl wiederum war ebenfalls an die Treppe gekettet, so dass wir keine andere Möglichkeit hatten, als die Bombe zu entschärfen.“
„Schön, dass es geklappt hat. Und ihr liegt richtig, das waren Profis. Profis, die es nicht gewohnt sind, keinen Erfolg zu haben.“
„Ja und?“, sagte Danny mit finsterer Miene, „Was geht dich das schon wieder an? Was willst du überhaupt hier, außer nachsehen, ob sie schon Blumen für meine Beerdigung ran karren?“
„Danny …“, beschwichtigte Cielio mit leiser Stimme, doch Danny war nicht zu bremsen, er war sichtlich wütend.
„Nein, ernsthaft. Was hast du mit der Sache zu schaffen? Geholfen hast du mir zumindest nicht.“
„Naja, zumindest habe ich Cielio den richtigen Tipp gegeben …“
„Du brauchst gar nicht versuchen dich zu rechtfertigen. Wenn es darum geht Partei zu ergreifen, hältst du dich immer schön raus. Hier und da gibst du mal Hinweise, ziehst Schlüsse, sprichst Warnungen aus, aber dass du mal hilfst, geschweige denn auch nur in Erwägung ziehst dich für andere aufzuopfern, kommt für dich offenbar nicht in die Tüte. Du hältst dich raus, Karmesin! Du hast mir nicht geholfen und du hast selber zugegeben, dass du mir nicht geholfen hättest! Wenn du nicht mit Cielio gesprochen hättest und der nicht so selbstlos gehandelt hätte, wäre ich da unten mit dem Scheiß-Zeitzünder explodiert! Ich wäre da unten krepiert, Karmesin!“
Danny schrie nun fast und sein Gesicht lief zornrot an. Cielio hielt den Kopf gesenkt und fixierte Karmesins Bewegungen, der sich Dannys Tirade gewohnt ruhig und mit unbeteiligter Miene anhörte. Sicher, unberechtigt waren seine Vorwürfe nicht, doch gerade brauchte Danny vor allem ein Ventil für seine aufgestaute Wut und Cielio wusste, dass er nicht mal den Versuch zu machen brauchte, ihn zu unterbrechen. Es wäre zwecklos.
„Und das mit deinen Kräften“, ergänzte Danny und zeigte mit einer ausladenden Handbewegung auf Karmesin, „Du hättest mir helfen können. Aber wenn es drauf ankommt, lässt du mich im Stich. Wieder und wieder.“
Karmesin erwiderte nichts und es entstand eine Pause, als Danny zu Ende gesprochen hatte. Erst nach einer ganzen Weile, als Karmesin sicher war, dass von Danjel nichts mehr kam, ergriff er das Wort und seine sonore, tiefe Stimme erfüllte die Luft: „Du hast Recht, Danjel. Ich bin da nicht anders, als die meisten von euch Menschen. Ich vermute dir hat keiner geholfen? Außer Cielio? Nun vielleicht hat dich auch erst niemand gefunden …“
„Doch“, ging Danny dazwischen, „eine Tussi hat das Weite gesucht, als sie die Bombe sah. Sie hatte wenigstens Angst, Karmesin. Hast du auch Angst vor dem Tod? Oder ist es nur eiskalte Berechnung, dass du dich niemals auf eine risikoreiche Situation einlässt?“
„Ich lasse mich nicht auf sinnlose Unterfangen ein, Danjel“, sagte der Kater kühl, dann wandte er sich an Cielio: „Deinen Mut kann man nur bewundern, Cielio. Aber du weißt, dass du damit dein eigenes Leben schwer gefährdet hast.“
„Spielt keine Rolle. Es gab keinen anderen Weg für mich, Karmesin. Ich musste Danny helfen, auch wenn du so was nicht verstehst.“
Karmesin schaute erneut zu Boden und schwieg einen Moment, bevor er weitersprach: „Um von etwas anderem zu sprechen, die Männer, deine Übeltäter, hast du die gesehen, Danjel?“
„Nein. Aber das geht dich nichts an.“
„Dir ist aber klar, dass sie bald ihren Misserfolg merken werden?“
„Und? Meinst du sie nehmen sich direkt das nächste Einkaufszentrum vor?“
„Danny, ich weiß, dass du wieder in das Einkaufszentrum zurück musst, wegen der Beweise. Und ich bin nicht der Einzige. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die es wieder versuchen.“
Wieder Stille, nur schwieg Danny, dem das Erlebnis, in dem er knapp dem Tode entronnen war, verständlicherweise noch tief in den Gliedern saß. Doch er gab sich betont unbeeindruckt und schüttelte nur den Kopf.
„Ich habe es satt immer nur Warnungen und krude Ratschläge von dir zu bekommen, Karmesin. Wenn du mir weiterhelfen willst, dann tu es. Wenn nicht, dann nicht!“
Der Kater verzog keine Miene, als er Dannys Blick begegnete, dessen Augen noch immer voller Zorn waren. 
„Ich werde jetzt mit Cielio einen heben gehen, nur zu deiner Information. Und wenn dir das nicht passt, dann entscheide dich endlich mal für eine Seite“, fauchte Danny und bedeutete Cielio gleichzeitig mit einer Handbewegung, dass er die Nase voll von diesem Gespräch hatte. Sie setzten sich langsam in Bewegung und gingen schweigend an dem Stein, auf dem Karmesin lag, vorbei.
„Dir ist die Lage wohl trotz allem immer noch nicht klar“, hörten sie dann Karmesin sagen, ohne dass sie sich noch einmal zu ihm umdrehten. Doch der rote Kater sprach unbeirrt weiter und betonte dabei jedes einzelne Wort mit Nachdruck.

„Die Lage ist haargenau diese, Danjel: Du bist in einem dunklen Raum, an einen Stuhl gefesselt, geknebelt, und vor dir ist eine scharfe Zeitbombe, die jeden Moment losgeht.“ Er machte eine Pause und bemerkte, wie Danny sich trotz allem langsam wieder zu ihm umdrehte: „Das ist deine Situation, Danjel. So sehr bist du in Gefahr. Immer noch. Und dass du ihnen einmal mit der Hilfe eines anderen entkommen bist, ändert nichts daran.“

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