ANTIHELDEN – Was sind Antihelden und aus welchen Gründen kann man sie als Leser gut finden?

„All human beings, as we meet them, are commingled out of good and evil“ – Robert Louis Stevenson, The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde 
(Etwa: Alle Menschen, so wir wie ihnen begegnen, sind gemischt aus Gutem und aus Bösem)

In jedem von uns gibt es das sogenannte Gute und das Böse. Es gibt kaum abgenutztere Bezeichnungen, man denke nur an den ewig fortwährenden Kampf zwischen Gut und Böse, obwohl die Trennung von beidem nur äußerst unscharf und schwierig zu definieren ist. „Gut und Böse kann doch jedes Kind unterscheiden!“ ... Ja, wirklich? 

Das Gute und das Böse – was ist das eigentlich? 

Das Gute allgemein ist eine Art Sammel- oder Überbegriff für alle der Gesellschaft zuträglichen Handlungen und in einer Gesellschaft als positiv bewertete Zielsetzungen. Als Kategorischen Imperativ definierte Immanuel Kant das Ganze folgendermaßen: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ oder frei übersetzt im Sprichwort: „Was du nicht will, das man dir tu, das füge auch keinem anderen zu.“
Das Böse hingegen verkörpert in dieser Dichotomie den Gegenpart, das nicht erstrebenswerte, antisoziale, als falsch bewertete Handeln aus sogenannten niederen Motiven, wie Habgier, Selbstsucht, Mordlust, Heimtücke usw. 
Bei unserer eigenen Bewertung von guten und schlechten Taten, spielen dabei durchaus die unterschiedlichen Moralvorstellungen der jeweiligen Gesellschaft eine große Rolle; man denke nur an die ganz unterschiedliche Bewertung von Beziehungsmodellen oder sexuellen Spielarten – was in der Antike mehr als nur akzeptiert war, wurde vom Christentum geradezu verdammt.
Auch werden menschliche Charaktereigenschaften vielfach in gute und schlechte, oder gar böse Eigenschaften unterteilt. Da gibt es die erstrebenswerten Eigenschaften: Freundlichkeit, Mitleid, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, sowie auch die vermeintlich eher schlechten Eigenschaften und Empfindungen; Eifersucht, Missgunst, Egoismus, Emotionslosigkeit usw. 


Was sind eigentlich Antihelden? 

Um bei der Dichotomie gut und böse zu bleiben, gibt es dementsprechend auch Helden und Antihelden. Allein schon wegen der Vorsilbe „anti“ könnte man hierbei leicht auf den Gedanken kommen, dass dieser Figurentypus das Gegenteil des Helden ist. Jedoch ist der Antiheld nicht zu verwechseln mit einem Antagonisten, also mit dem „Bösewicht“ einer Geschichte, der Antiheld ist eher eine eigene Kategorie des Protagonisten.
Der große Unterschied zum Helden ist, dass die Charakterzüge des Antihelden meist als allgemein nicht erstrebenswert – nicht gut – gelten. Während man den Held für das bewundert, was er ist und sich mit ihm identifiziert, weil man sich wünscht so zu sein wie er, funktioniert die Motivation mit einem Antihelden mitzufiebern auf ganz andere Art und Weise. 
Antihelden haben oftmals ein schwieriges Verhältnis zur Gesellschaft, sind Außenseiter, „Versager“ oder auch Kriminelle und verfügen, wie bereits angedeutet, eher über als wenig erstrebenswert betitelte Charaktereigenschaften, bis hin zu äußerlichen „Macken“. Ihr Spektrum kann weit auseinandergehen, vom schwerkriminellen aber doch irgendwie sympathischen Mafiaboss, bis zum eigentlich ganz harmlosen, netten Kerl, der leider im Leben recht erfolglos ist, kann alles dabei sein.
Einige Antihelden zeichnen sich auch oder lediglich dadurch aus, dass sie im Gegensatz zu Helden nicht stets gut gelaunt und offenherzig wirken, sondern eher „grumpy“ bis hin zu melancholisch oder überaus kritisch mit sich und dem Rest der Welt sind.

Menschen und Figuren zwischen Gut und Böse

Antihelden sind oftmals die komplexeren und realistischer gezeichneten Figuren, weil sie eben nicht nur gut oder nur perfekt sind und handeln, sondern Schwächen zeigen, deutlich erkennbare Fehler haben oder sich absichtlich unmoralisch verhalten. Realistischer fühlen sich Antihelden deswegen oftmals für uns an, da wir unser eigenes Verhalten meist auch nicht als rein „gut“ bezeichnen können. In jedem von uns gibt es auch die vermeintlich schlechten Eigenschaften, ohne dass sie direkt zu kriminellen oder schlimmen Handlungen führen müssen. Jeder von uns hat diese „dunklen Seiten“, es ist lediglich eine Frage, wie stark welche Seite in uns gewichtet ist.
An dieser Stelle muss ich die Star-Trek-Folge „Kirk : 2 = ?“ (englisch: „The Enemy Within“) anführen, die als gutes Beispiel hierfür dient. In dieser Folge werden durch einen Transporterfehler Kirks gute und schlechte Charakterzüge in zwei äußerlich identische Personen gespalten, wobei der eine Kirk alle guten und der andere Kirk alle schlechten Eigenschaften inne hat. Schnell zeigt sich jedoch, dass der „guten“ Seite einige entscheidende Wesenszüge fehlen, die aber notwendig sind um Captain sein zu können. Wie etwa Entscheidungskraft, Willenskraft, Durchsetzungsvermögen und Ehrgeiz. 
Vielleicht ist die Einteilung aller Eigenschaften und Persönlichkeiten in gute und schlechte also nicht unbedingt richtig. Jede Eigenschaft hat häufig auch eine Kehrseite. Eifersucht ist häufig die andere Seite von tief erfundener Liebe für einen anderen, Selbstzweifel und übertriebener Perfektionismus gehen oft einher mit Ehrgeiz, ohne dessen Antrieb eine Verbesserung der eigenen Persönlichkeit oder das Erreichen seiner Ziele sehr schwierig wäre. Könnte man tatsächlich alle „schlechten“ Seiten eines Menschen löschen, bliebe dann vielleicht auch von den guten Eigenschaften kaum noch etwas übrig?

Warum kann man Antihelden gut finden?

Wie oben schon erwähnt, funktionieren die Mechanismen sich für Antihelden zu begeistern anders, als bei normalen Helden. Hier eine kleine Übersicht möglicher Motivationen:
  1. Die etwas andere Art von Wunschträumen:Ein Grund für die Beliebtheit von Antihelden ist sicher auch, dass sie dem Leser die Möglichkeit geben die „dunkle Seite“ einmal „anzuprobieren“. Nicht oft sich Antihelden auch diejenigen, die Selbstjustiz üben, für ein Unrecht, das ihnen geschehen ist, das aber strafrechtlich nicht verfolgt wird oder werden kann. Antihelden nehmen an dieser Stelle häufig ihr Schicksal selbst in die Hand, nicht wirklich legal, aber spannend zu verfolgen und auch als Motivation nachvollziehbar. Endlich, zumindest mit den Augen eines anderen erleben, wie es sich anfühlt, Rache an den Mitschülern, von denen man ständig gemobbt wird, zu üben oder endlich mal nicht runterschlucken, dass einem der letzte Parkplatz unfairerweise direkt vor der Nase weggeschnappt wurde. Endlich nicht nur das Opfer sein, sondern ausprobieren, wie es wäre, wenn man seine „böse Seite“ rauslässt. Antihelden tun häufig das, was man selbst im realen Leben nur in Gedanken oder Tagträumen rauslassen kann. 
  2. Helden auf Augenhöhe:
    Der normale, durchschnittliche Held ist eher eine Figur, zu der man aufschaut. Die große Fähigkeiten besitzt, die einem selbst und auch vielen anderen Menschen fehlen. Viele Helden sind erfolgreich, haben große Gaben und Talente, Geld, Macht, Einfluss oder insgesamt ein interessantes, bewegtes Leben. Antihelden kommen häufig aus eher nicht so guten sozialen Umständen, sind sogar oft genug ganz am anderen Ende der Nahrungskette und eher sozial isoliert. Sie befinden sich somit mit vielen Lesern auf Augenhöhe und sind nicht so unerreichbar wie Helden. Auch sie stecken vielleicht in einem langweiligen Alltagsjob, der sie nervt, auch sie haben Macken und Schwächen, die sie gerne ändern würden oder nicht zuletzt gelingt ihnen das, was sie erreichen wollen, vielleicht nicht etwa deswegen nicht, wegen mangelndem Talent, sondern weil sie von den äußeren Umständen her immer nur Pech hatten. Antihelden wirken oftmals nicht wie „am Reißbrett“ entworfen, sondern werden oft erst zu dem, was sie sind, aufgrund der gesellschaftlichen Umstände. Ganz so, wie echte Menschen. 
  3. Der Weg ist das Ziel:In vielen Erzählungen erreichen Antihelden, anders als Helden, vielleicht nicht ihr Ziel, dennoch gibt es eine andere Motivation ihren Weg trotzdem mit Interesse zu verfolgen: Ihren Umgang mit der Situation, selbst wenn sie mal straucheln und Rückschläge einstecken müssen. Und man ertappt sich, obwohl man weiß, dass sie scheitern werden, trotzdem oft genug dabei, dass man mit Antihelden mitfiebert und sich wünscht, dass sie irgendwie doch nicht sterben oder ihr Ziel verfehlen ;-)
  4. Schadenfreude:  … Oder auch Solidarisierung mit jemandem, der etwas erlebt, das man selber auch kennt. Ein nicht zu unterschätzender Faktor bei Antihelden. Vielfach kann es Balsam für die Seele des Lesers sein, wenn es einem Helden „auch nicht besser geht, als einem selbst“. Oder, wenn der Held etwas erlebt, was man selbst nicht in den Ausmaßen kennt, hier kann sich dadurch für den Leser ein gewisser tröstender Effekt einstellen: „Hier gibt es jemanden, der etwas noch schlimmeres erlebt hat, als ich selbst.“ Oder eben klassische Schadenfreude, bei einem dem Leser unsympathischen Antihelden.
In diesem Sinne: Wir sind eigentlich fast alle ein klein wenig Antiheld. Ein Antiheld ist nicht automatisch ein Bösewicht, sondern für mich persönlich eher eine interessantere Kategorie des Protagonisten, die dem Leser möglicherweise einfacher nahe kommt, als ein "perfekter" Held ohne Ecken und Kanten.

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