„Man darf ja bald gar nichts mehr sagen!“ oder: Wie man unmoralische Handlungen handwerklich gut in fiktionalen Texten verpackt


„Kinderschänder sollte man alle hängen!“, „Führt die Todesstrafe wieder ein!“, „Frauen, die mit vielen verschiedenen Männern Geschlechtsverkehr haben, sind Schlampen!“ 
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, in journalistischen Artikeln, Kommentaren, Essays und Ähnlichem provokative Thesen aufzustellen und im Laufe des Textes mit vermeintlichen Fakten und Argumenten zu untermauern. Oft genug führen solche Texte dann zu sehr kontroversen Diskussionen bis hin zu einem Shitstorm. Man denke nur an den jüngst erschienenen Kommentar zum Thema „Ehe für alle“ eines FAZ-Gastautors, der unter dem Pseudonym Johannes Gabriel schreibt und in seinem Text so weit ging, alle homosexuellen Eltern unter den Generalverdacht des Kindesmissbrauches zu stellen. 
Solche Texte erregen deswegen so häufig die Gemüter, weil sie faktualen Anspruch haben; sie handeln von der realen Welt, fordern reale Maßnahmen von der Gesellschaft und gehen von realen Gegebenheiten aus. Wie aber verhält es sich mit fiktionalen Texten? Nicht immer ist die Abgrenzung zwischen diesen Welten zu 100% eindeutig, auch wenn die eine sich im weitesten Sinne mit realen Geschehnissen beschäftigt und die andere sich mit erfundenen bis eventuell möglichen. Aber blenden wir das für einen Moment aus, und betrachten eindeutig fiktionale kreative Erzeugnisse; Romane, Drehbücher, Songtexte, die dennoch trotz allen Erfindungsreichtums und aller Möglichkeiten meist zumindest irgendeinen Bezug zur realen Welt haben. Wie ist es mit kontroversen Handlungen und Thesen in fiktionalen Texten?

Darf ein fiktionaler Text alles?

Menschliche Abgründe kennen keine Grenzen und fiktionale Literatur aller Art tobt sich mit Wohlwollen darin aus. Sadistische Serienkiller, psychisch kranke Gewalttäter, Mafiabosse, Folterknechte, Vergewaltiger und Auftragskiller aller Art gehen auf dem Papier in epischer Breite ihrem grausamen Treiben nach und werden oft genug nie zur Rechenschaft gezogen. Ist das okay? Es ist ja schließlich nur erfunden und tut keinem weh.
Dennoch sorgen auch fiktionale Texte ab und zu für Abneigung bei der Leserschaft und für Kritik an den handelnden Personen oder den Handlungen selbst. Nehmen wir die von Missbrauch und Abhängigkeit gezeichnete Beziehung der Protagonisten aus „50 Shades of Grey“ von E. L. James, den geradezu normalen Umgang mit dem Thema Vergewaltigung von Frauen in der TV-Serie „Game of Thrones“ (okay, streng genommen kein Text, aber konzentrieren wir uns hierbei einfach auf das zugrunde liegende Drehbuch, da ich selbst mir über die Buchreihe noch kein Urteil erlauben kann) oder auch Songtexte wie die relativ aktuelle Single „Dein Lied“ der Band Kraftklub, in der „Slutshaming“ vom allerfeinsten propagiert wird. 
Ist das okay? Kritik überflüssig?
Eines ist sicher: Realität und Literatur beeinflussen sich wechselseitig. Wir schreiben in der Literatur über das, was wir in der Realität erleben, gleichzeitig nehmen wir aber auch in der Literatur Dinge auf, die unser Handeln in der Realität beeinflussen. Auch wenn man als Leser nicht den Fehler machen sollte vom lyrischen Ich direkt auf den Autor zu schließen, ist oft genug deutlich, dass sich die Ansichten und Vorstellungen des Autors mit denen der fiktiven Protagonisten decken, man denke an die beliebte „Twilight“-Serie und die dort vertretene, streng konservative Einstellung zum Thema Ehe und Sexualität, die sich beinahe 1:1 mit denen der mormonischen Autorin Stephenie Meyer deckt. 
Nicht ganz zu unrecht, wird also auch den Autoren fiktionaler Literatur zum Vorwurf gemacht, dass sie kontroverse Themen behandeln und sich mit der unendlichen Freiheit der Fantasie herausreden, wenn Kritik laut wird. In jüngster Zeit sind besonders der Umgang mit dem Thema Frauenhass, dem schon erwähnten Slutshaming und Vergewaltigung auch in Fantasygeschichten im Fokus der Aufmerksamkeit. Es gibt zum Beispiel Stimmen, die fordern, den überbeanspruchten Gebrauch von Vergewaltigungen in der Literatur herunterzufahren, keine Charaktere mehr zu basteln – wie sie in zahlreichen handwerklich schlecht gemachten Liebesromanen vorkommen – deren sexuelle Grenzen mal eben überschritten werden und sich am Ende doch in den Helden verlieben, der ihre Tabus nicht respektiert hat. 
Ist das der Weg? Schwierige Themen aus der Literatur streichen? Aus sämtlicher Literatur?


„Ja, dann darf man ja gar nichts mehr sagen oder schreiben, scheiß political correctness!“

Als jemand mit einer Vorliebe für menschliche Abgründe und Thriller aller Art, würde ich sagen, dass das eine ziemlich langweilige literarische Landschaft wäre, wenn sich alle Charaktere ab sofort nur noch „sittenkonform“ und mit Vorbildcharakter verhalten. Abgesehen davon verhält sich das Publikum der Popkultur in dieser Hinsicht auch nicht ganz stringent, Antihelden wie der aus der gleichnamigen Serie „Dexter“, die in Selbstjustiz einen Mord nach dem anderen begehen, werden gefeiert, während die erfundene missbräuchliche Liebe zwischen Christian Grey und Anastasia Steele als schlechtes Beispiel für eine BDSM-Beziehung kritisiert wird. Letzteres ist auf der Sachebene sogar sehr gut nachvollziehbar, auch fiktionale Bücher haben so etwas wie eine Vorbildfunktion und beeinflussen ihre Leserschaft maßgeblich. Autoren dürften also eigentlich den erzieherischen Aspekt ihrer Werke nie aus dem Auge verlieren und sei es eine noch so der Realität entrückte Fantasiewelt. Oder lässt man dann doch lieber die kontroversen Passagen als Autor weg, allein aus Selbstschutz? 
„Dann kann man ja bald gar nichts mehr sagen“ grölen die Gegner der vermehrt geforderten „political correctness“. Nehmen wir wieder unser Beispiel Vergewaltigung: Wie sollte ein Autor mit diesem Thema umgehen, wenn er es in seinen Werken behandelt? Darf überhaupt eine Vergewaltigung stattfinden? Und wenn ja, wie darf sie stattfinden und wie nicht? Oder darf sie gar nicht erst vorkommen, da der Leser ansonsten davon ausgehen könnte es wäre legitim, in welcher Art und Weise auch immer, jemanden in der Realität zu vergewaltigen? 
Seeeeeehr dünnes Eis. Zurecht. 
Doch der zugrunde liegenden These der Leserbeeinflussung könnte man sarkastisch Folgendes entgegen halten: Wenn es tatsächlich nach der Logik ginge, dass der Leser in dem Moment, wo er von einem Geschehnis liest meint, dass die Ausführung legitim ist, dürfte man nicht einmal mehr Strafgesetzbücher schreiben. 
Aber ernsthaft: Es gibt einen Weg, wie man es handwerklich richtig und sinnvoll erreichen kann, als Autor kontrovers diskutierte Themen zu behandeln, statt sie wegzulassen und trotzdem seinem „erzieherischen Auftrag“ nachzukommen. 

Das Zauberwort lautet: Kritische Distanz

Das Schlimme an problematischen Szenarien wie Vergewaltigungen in der Literatur ist nicht unbedingt, DASS sie vorkommen, sondern WIE sie vorkommen. Wie sie behandelt werden. Hier muss sich der Autor beim Schreiben die wichtige Frage stellen:

Ist es dem Leser durch die Darstellung des Autors möglich, eine kritische Distanz zu dem Geschehen im Werk aufzubauen?

Die Möglichkeiten das handwerklich anzugehen sind dabei vielfältig. Subtile Hinweise darauf zu geben, dass die ausführende Figur einer unmoralischen Tat kein Held, sondern ein „kaputter Kerl“ ist, mit eventuell weiterführenden Problemen, wie Alkoholismus, Drogenproblemen, Persönlichkeitsstörungen oder Komplexen sind ein Weg. Ein anderer Weg könnte sein, dass die Gewissensbisse des Täters zum Thema werden, dass geschildert wird, wie er selbst über sein Handeln reflektiert und zu dem Schluss kommt, einen schweren Fehler begangen zu haben. Sicher soll und darf es auch „badass“-Charaktere geben und auch besagte unzuverlässige Erzähler, nicht alle Figuren in einer Erzählung müssen Engel sein. Wenn schon aber nicht der Täter das eigene Handeln hinterfragt, könnten auch andere Figuren oder die Rolle des Erzählers diesen Part einnehmen. 

Kurz: Der Autor sollte in der Lage sein, seinem Leser an diesen Stellen Anstöße zum eigenen Nachdenken zu geben. Oder durchaus auch Partei für die Opfer ergreifen, in Form seines Erzählers, einer der Figuren oder dem Verlauf der Resthandlung und Hinweise zu geben, warum die Anfeindungen der einen Figur vielleicht Unsinn sind. 
Bleiben wir beim Vergewaltigungsbeispiel, um es anschaulich zu machen: 
Finden alle Figuren, inklusive des vergewaltigten Opfers und auch der Erzähler die Handlungen des Vergewaltigers in Ordnung? (Erschreckend, aber ja, so einige Geschichten handeln von Tätern, die Opfern gewaltsam sexuelle Handlungen aufdrängen, während jene Opfer dadurch erst erkennen, was für tolle und erfahrene Hengste die Täter im Bett sind – willkommen liebes Stockholm-Syndrom.) Oder wird diese Handlung implizit oder explizit sogar als etwas gutes oder „nicht so schlimmes“, gar als Kavaliersdelikt dargestellt? Liebe Autoren, das könnte problematisch sein. Es gibt genügend werkimmanente Wege, die Tat des Vergewaltigers als eine schlechte und falsche darzustellen.
Und ganz genau DAS muss zum Beispiel auch die Kritik an Werken wie 50 Shades of Grey sein, nicht DASS eine missbräuchliche Beziehung vorkommt, sondern WIE sie vorkommt, dass sie in einer Art und Weise geschildert wird, die den Täter zum „tollen Hecht“ macht und niemand dessen Aktionen kritisiert oder hinterfragt, nicht einmal das Opfer selbst.

Anderes Beispiel, noch einmal das Thema Slutshaming. Das lyrische Ich oder die Figur ist sauer, weil es für einen anderen verlassen wurde und stellt die Ex als untreue Schlampe, die es mit jedem treibt, dar? Gibt es Hinweise, dass das lyrische Ich vielleicht selber das Problem in der Beziehung war oder den Fall ganz anders darstellt, als er sich tatsächlich ereignet hat? Oder wird dem lyrischen Ich innerhalb des Werkes Kritik an seinen Aktionen entgegengehalten, beziehungsweise werden seine eigene Schwächen offenbart statt ihn wahlweise als „Sieger“ oder „das arme Opfer der heimtückischen Exfreundin“ darzustellen? 
Nein? 
Sorry, lieber Autor, so was ist problematisch und handwerklich schlecht. Das geht besser. 
Ein Autor sollte handwerklich fit sein und unmoralische Handlungen nicht behandeln, als ginge es um ein vergessenes Pausenbrot. Klappt faszinierenderweise ja sogar oftmals ganz gut, wie etwa bei der Beschreibung von Mördern und Gewalttätern, beispielsweise in Kriminalromanen, bei Vergewaltigern und Frauenhassern sieht die Sache leider schon wieder ganz anders aus. 

Fazit

Ja, prinzipiell könnt ihr als Autor alles behandeln und auch mal unangenehme Thesen provozierend einsetzen. Aber bitte behaltet im Auge, was ihr damit beim Rezipienten auslösen könnt und ob der Leser eurem Thema mit der nötigen kritischen Distanz begegnen kann. 
Es ist keine Lösung bestimmte Dinge deswegen nicht anzusprechen, weil der Leser wahlweise geschockt, abgeschreckt, fehlgeleitet oder gelangweilt werden könnte.
Aber es ist auch keine Lösung, aktuelle gesellschaftliche Themen in seinem fiktionalen Werk einfach auszublenden und den eigenen Beitrag zum realen Gesellschaftsbild zu leugnen.



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